Der Mensch hört, was er will

Der Mensch hört, was er will

Juni 14, 2017

Alle kennen es aus Paarbeziehungen: Was sie sagt, kommt nicht in ihrem Sinn bei ihm an – und umgekehrt. Weil Zuneigung die Kommunikation schwierig macht. Nicht die einzige Quintessenz des Themenabends mit illustren Rednern aus Wirtschaft, Sport, Kunst und Kirche.


«Bei meiner seelsorgerischen Tätigkeit komme ich mir oft vor wie ein Konkursverwalter
und Folkloreassistent.» Schallendes Gelächter an der Veranstaltung im Kloster Kappel am Albis: 
Pater Hermann‐Josef Zoche zeigte mit seinem Eingangsreferat, wie
man die Aufmerksamkeit des Publikums mit überraschender, effektreicher
Kommunikation gewinnt. Mit viel Witz, Selbstironie, Schlagfertigkeit aber auch mit
leisen, nachdenklichen Anmerkungen referierte der Theologe und Philosoph rhetorisch
gekonnt über seine Alltagserfahrungen mit dem Thema «Führen und Kommunizieren in
den Spannungsfeldern von Konflikt und Emotionen».

Eingeladen hatte Christoph Balmer, Fachstellenleiter des Forums Kirche und Wirtschaft
der katholischen Kirche Zug. Mit Tschümperlin‐Geschäftsführerin Carla Tschümperlin,
dem früheren Eishockey‐Spieler, ‐nachwuchstrainer und heutigen CEO des Eishockey‐
Vereins Zug (EVZ) Patrick Lengwiler, Dirigent Howard Griffiths und Pater Zoche hat es
Balmer erneut geschafft, eine hochkarätige Runde auf die Bühne zu bringen. Moderiert
von Publizistin und speakers.ch-Geschäftsführerin Esther Girsberger entstand eine kurzweilige, informative und
facettenreiche Gesprächsrunde mit Aspekten aus Wirtschaft, Sport, Kunst und Religion.


Zoche pries die Kirche als ältestes Unternehmen, das in einem kleinen Stall begonnen
hatte und löste damit abermals Erheiterung aus. Dann wurde er wieder ernst und sagte:
«Kommunikation ist mehr als Sprache und Reden. Sie ist ein gesamtmenschliches
Ereignis.» Als Beispiel zitierte er den Lyriker Eugen Roth: «Ein Mensch, der beinah mit
Gewalt, auf ein sehr hübsches Mädchen prallt, ist ganz verwirrt, er stottert, stutzt, und
lässt den Glücksfall ungenutzt. Was frommt der der Geist, der aufgespart, löst ihn nicht
Geistesgegenwart? Der Mensch übt nachts sich noch im Bette, wie strahlend er gelächelt
hätte.» Für Zoche ist aber klar: Jeder Mensch kommuniziert auch mit dem, was er nicht
sagt. Gelungene Kommunikation sei eine Herausforderung, weil in jedem Satz vier
Aussageebenen mitschwingten: Selbstaussage, Appellebene, Beziehungsebene und die
Sachebene. Je nach Beziehung, Tonalität der Ansage und der Stimmung von Absender
und Gegenüber kann die Nachricht leicht auf die falsche Ebene geraten. Je mehr man
sich mag, desto schwieriger werde das Ganze. «Gelungene Kommunikation lässt zuerst
ins Gegenüber hineinhören», nannte Zoche den prinzipiellen Ansatz der gewaltfreien
Kommunikation. Vollendete Kommunikation sei auch ein Einswerden mit der
Kommunikation Gottes. Wer Kommunikation lernen wolle, müsse aber zuerst die Stille
lernen.

«Stille ist ein Schlüssel», hakte Carla Tschümperlin ein und Howard Griffiths pflichtete
ihr bei. «Bevor ich jedoch meine Mitarbeiter von dem überzeugen kann, was ich will,
muss ich mir darüber im Klaren sein, was ich selber will», führte Tschümperlin aus. Wie
essenziell die eigene Haltung in der nonverbalen Kommunikation ist, demonstrierte
Dirigent Griffiths anhand eines eindrücklichen Geburtstagsständchens, das er das
Publikum spontan für ein Geburtstagskind singen liess. Entsprechend seiner Mimik und
Gestik variierten die Leute im Chor automatisch ihren Gesang: lauter, leiser, schneller,
langsamer – ohne zuvor geübt zu haben. «Man muss die Leute von seinen Ideen
überzeugen», erklärte Griffiths seine Arbeitsweise. Die Zeiten, wo man Musiker vor
versammeltem Orchester blossstellte, wie das seinerzeit noch Arturo Toscanini
praktiziert hatte, seien vorbei.


Patrick Lengwiler gab sich keinen falschen Illusionen hin: «Wo geballte Emotion im Spiel
ist, kann die gewünschte Kommunikation unmöglich werden». Es gebe immer Leute, die
nicht verstehen wollen. Manchmal sei es aber tatsächlich gescheiter, man kommuniziere
nicht umgehend, sondern lasse die Gemüter zuerst abkühlen. Tschümperlin ergänzte:
«Man muss erkennen, was das Gegenüber verstanden hat. Das braucht mehr Zeit.
Entscheidungen können sich deshalb verzögern.» Zoche: «Man kann jeder und jedem
alles sagen, wenn der Moment, die Art und die Absicht stimmen.» Lengwiler merkte
selbstkritisch an: «In unserem Sportbetrieb fehlt leider oft die Ruhe.» Zoche relativierte
mit einem Sprichwort: «Kein Omlett ohne Eier.» Und folgert: «Es gibt auch konstruktive
Konflikte, die aus der Kommunikation entstehen.» Tschümperlin pflichtete ihm bei:
«Konflikte sind immer auch eine Chance. Krisensituationen prägen Menschen mehr, wie
Zeiten des Friedens.» (Text: Martin Platter)